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Werkstatt-Ausstellung


“80 Jahre Ende des 2. Weltkrieges“

Eine Werkstatt-Ausstellung



"80 Jahre Ende des 2. Weltkrieges 
in Bad Lausick und Umgebung“

Am 15. April 1945 wird die Stadt Bad Lausick an das u.s.-amerikanische Militär übergeben.

Am Abend dieses bewegten Tages resümiert der Bürgermeister Felix Nitzsche:

Primär war für mich die Errettung meiner Vaterstadt vor einer Zerstörung und wenn das gelang, so habe ich dem Herrgott dafür gedankt, als ich mich schlafen legte.

Die Interessengemeinschaft Stadtgeschichte Bad Lausick hat zu den Ereignissen des Kriegsendes 1945 in Bad Lausick und Umgebung geforscht. Die Ergebnisse ihrer Arbeit präsentierte sie in der Werkstatt-Ausstellung „80 Jahre Ende des 2. Weltkrieges“ vom 07. April bis 10. August 2025.

Einige dieser Inhalte stellen wir nun hier online zur Verfügung.

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Fotografie 17.04.1945 Ein amerikanischer Soldat blickt auf die Gleisanlagen des Bahnhofes Bad Lausick

Ein amerikanischer Soldat blickt auf die Gleisanlagen des Bahnhofes Bad Lausick. 

17. April 1945

(Fotograf unbekannt)

Fotografie 17.04.1945 Ein amerikanischer Soldat blickt auf die Gleisanlagen des Bahnhofes Bad Lausick - Rückseite mit Beschreibung

Proklamation Nr. 1 von Eisenhower (links)

Gedruckt durch die Druckerei Klinghammer zum 22. April 1945

Stadtarchiv Bad Lausick

Kleiderkarte – 30.04.1945 (rechts) 

Sie dokumentiert Proben der Bekleidung des unbekannten Jungen, der durch die U.S. Armee standrechtlich erschossen wurde.

Stadtarchiv Bad Lausick

Lazarettstadt

„1939 01.09.

Beginn des faschistischen Überfalls auf Polen und damit Auslösung des Zweiten Weltkriegs. Das Hermannsbad wird sofort in ein „Reserve-Lazarett“ umgewandelt. Dazu wurden das Kur-Hotel, Kurmittelhaus und das Genesungsheim herangezogen. Bei der großen Ausdehnung des Krieges waren diese immer voll belegt, so dass später noch mehrere Fremdenheime, aber zuletzt auch die Säle der Stadt und die Schule, Turnhalle und Jugendheim mit Verwundeten belegt wurden. Das Bethlehem-Stift war bis Kriegsende Umsiedlungslager für Auslandsdeutsche. […] Die örtlichen Verkehrsziffern sanken auf Kriegsdauer von Jahr zu Jahr, […] denn die Wehrmacht hatte von 473 Betten 262 beschlagnahmt und belegt.“

(Chronik H. Nitzsche)

„Nach dem Angriff auf Leipzig im Dezember 1943 war eine Spezial-Abteilung für Kieferchirurgie nach Bad Lausick verlegt worden, wo Prof. Reichenbach mit Hilfe von Knochentransplantationen seine ganze Kunst aufbot, den Verwundeten wieder menschliche Gesichtszüge zu verleihen. Nun mussten immer mehr Lazarette im Osten geräumt werden, der damit verbundene Zustrom nach Bad Lausick ließ schließlich weitere Gebäude, wie die Gasthöfe „zu den drei Rosen“ und „zum Engel“, aber auch die Turnhallen und das Hitler-Jugend-Heim zu Lazaretten werden. Die Volksschule blieb vorläufig ausgenommen, sie war als Unterkunft für die durchziehenden Trecks gedacht.“
(Chronik Becker)

Nitzsche „erfindet“ die Lazarettstadt

Bürgermeister Felix Nitzsche zielt mit dem absehbaren Kriegsende darauf ab, Bad Lausick vor der Zerstörung zu bewahren. Er bringt – ohne offizielle Anordnung – das Gerücht der „Lazarettstadt“ in Umlauf. 
In seinem Büro verwahrt er eine weiße Fahne, die er am 15. April 1945, 19.30 Uhr mit Hilfe seiner Schwiegertochter am Rathaus hisst.
 (sh. Tagebucheintrag von 25.03.1945 und 15. April 1945)
Sein Vorhaben geht auf. Für die US Army wird Bad Lausick zur „Open City“, deren Einnahme ohne Kampfhandlungen erfolgt.

Ärzte und Pflegepersonal des Reservelazaretts Hermannsbad unter Chefarzt Matthes (Quelle: Chronik Nitzsche)

KZ Flößberg - Außenlager KZ Buchenwald

Standort Gemeinde Flößberg, Waldsiedlung, Großes Fürstenholz.

Betreiber Hugo-Schneider-Aktiengesellschaft (HASAG), Deckname: Flößberger Metallwerke.

Dauer des Bestehens 28. Dezember 1944 bis 13. April 1945.

Häftlingsbelegung Männer: Juden aus Polen, Ungarn, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Slowakei, Niederlande, Belgien, Litauen, Palästina, Tschechei, Schweden, Slowakei, nichtjüdische Häftlinge aus 22 europäischen Nationen. Insgesamt 1982 Männer. 

Häftlingsbelegung Letzte bekannte Stärke: 1147 am 13. April 1945.

Unterbringung Barackenlager, anfänglich teilweise im Freien.

Art der Arbeiten Aufbau der Lagerbaracken, Bauarbeiten zum Aufbau der Infrastuktur des Panzerfaustwerkes und der Produktionsstätten, Herstellung von Panzerfäusten, Aufräumungsarbeiten nach einem Bombenangriff in Flößberg und Beucha.

Todesopfer im Lager 253, davon 27 Ostfriedhof Leipzig, 72 Buchenwald, 98 Ehrenhain Borna, Lobstädter Straße, 38 Waldfriedhof Flößberg, Gräber mit 18 Opfern wurden nicht entdeckt.

Fluchten Eine – Ergebnis unbekannt.

Besonderheiten Am 6. März 1945 wurden 84 KZ-Häftlinge des Todesmarsches Bunzlau I in das Außenlager Boelckekaserne Nordhausen des KZ Dora-Mittelbau in Flößberg zurückgelassen. Wieviele von ihnen in Flößberg umkamen ist unbekannt, zehn Todesfälle wurden registriert.

Besonderheiten Zwischen Januar bis Ende März 1945 wurde zusätzlich zur SS-Wachmannschaft eine Ausbildungskompanie der SS-Pionierkaserne Dresden zur Bewachung der KZ-Häftlinge eingesetzt, die durch ihre besondere Brutalität auffiel. 

Besonderheiten So erschlug ein Wachmann am 9. Februar 1945 einen Häftling beim Einbau des Gleisanschlusses der Querbahn auf der öffentlichen Straße, weil dieser beim Abladen einer Eisenbahnschwelle eingeklemmt wurde.

Drei Häftlingen gelang es, sich unmittelbar vor der Räumung des Lagers zu verstecken. Sie wurden später von amerikanischen Truppen in Bad Lausick untergebracht, bis sie wieder reisefähig waren und die Stadt verließen.

Evakuierung Am Morgen des 13. April 1945 Bahntransport direkt aus dem Lager nach Mauthausen, zunächst über Chemnitz – Schwarzenberg bis Annaberg. Dort wurde der Transport aus dem Flossenbürger Frauenaußenlager Venusberg angeschlossen. Weiter über Weipert (Vejprty) nach Triebschütz (Třebušice), wo der Zug bis zum 21. April 1945 abgestellt wurde. Zusammen mit dem Transport aus dem Frauenaußenlager Freiberg des KZ Flossenbürg wurde der Zug nach Horni Břiza (Oberbirken) gebracht, wo er bis zum 23. April stand.
Dort wurden die KZ-Häftlinge das einzige Mal während des Transports mit Nahrungsmitteln versorgt. 

Evakuierung Dies geschah in einer Solidaritätsaktion durch die tschechische Bevölkerung und entgegen dem Willen der SS-Wachmannschaften der drei Zugteile.
Der Planung des HASAG folgend fuhr der Zug die Station Holleischen (Holýšov) an. Doch die Aufnahme im dortigen KZ-Außenlager wurde abgelehnt. Daraufhin wurde versucht, das KZ Dachau in Bayern zu erreichen, was misslang. Schließlich wurde der Gesamttransport nach Gusen geleitet, wo er in der Nacht vom 28. zum 29. April 1945 ankam.

Evakuierung Die marschfähigen Überlebenden des Bahntransports wurden am 29. April 1945 ins Stammlager Mauthausen verlegt. Die Befreiung erfolgte am 5. Mai 1945 durch amerikanische Truppen.

Max Michaelis und Familie Hirsch

Einer der Häftlinge im KZ Flößberg war der als „deutscher Jude“ eingestufte Max Michaelis. 
Max Michaelis wurde vorgeworfen, seine jüdische Abstammung zu verschleiern. Er war in den 20er Jahren zum Baptismus konvertiert. Dadurch warf ihm die Gestapo vor, „sein Judentum zu verschleiern“. Anders als bekennende Juden, die in „privilegierten Mischehen“ lebten, wurde Max Michaelis in Herbst 1944 nicht in ein Zwangsarbeitslager deportiert, sondern ins KZ Buchenwald eingeliefert und am 8. Januar 1945 nach Flößberg verschleppt, was letztlich zum Tod führte.
Max Michaelis war durch seinen Bruder Erich mit der aus Bad Lausick deportierten Familie Hirsch verwandt.


(sh. Stolpersteine Bad Lausick; Bürgermeister Nitzsche: Entlassung Else Hirsch).

 

Weiterführende Informationen

Initiative Flößberg gedenkt

Moritz Grote, Wolfgang Heidrich:
Gefangen in Flößberg – Die Geschichte des Buchenwalder Außenlagers 1944 bis 1945,
Zu Klampen Verlag.

Herbert, 
Otto, 
Alfred, 
Max, 
Erich 
Michaelis (Sammlung 
Moritz
 Grote)

Zwangsmigration zum Kriegsende

Bad Lausick selbst war 1945 unbeschadet. So nahm die Stadt nicht nur Versehrte in den Lazaretten auf, sondern auch Bomben-Geschädigte aus den Städten und Geflüchtete aus Ostpreußen. Die Durchreise von Flüchtlingstrecks prägte die Stadt.

„Nach dem Leipziger Angriff [Anm: am 04.12.1943] war Bad Lausick noch Aufnahmestelle für etwa 500 Bomben Geschädigte gewesen; auch bei späteren Angriffen hatte die Stadt „Kontingente“ aufzunehmen. Im November 1944 waren zwei Züge aus Ostpreußen gekommen, von Bad Lausicker Rot-Kreuz-Schwestern und NSV-Funktionären dort abgeholt und begleitet. Die waren noch reibungslos bei Familien in der Stadt unterzubringen.“
(Chronik Becker)

Im Winter und Frühjahr 1945 trafen weitere Geflüchtete aus Ostpreußen ein. Diese konnten nur notdürftig untergebracht werden. 

Seit 15. Februar 1945 gab es eine Treckleitstelle für den Kreis Borna in der Tankstelle in Reichersdorf, in der es sowieso kein Benzin mehr zu kaufen gab.

Sie war bestimmt für Trecks aus dem Kreis Militsch, nördlich von Breslau, deren Bewohner als Unterkunftsräume die Kreise Grimma, Rochlitz und Borna zugewiesen erhielten.

Aber im Laufe des Monats März liefen auch viele andere Trecks die Leitstelle an, die zur Aufnahme in der Gegend um Eger, Hof, Bayreuth und Saalfeld bestimmt waren, die aber wegen des Winterwetters im Erzgebirge und Elstergebirge und dem Vorrücken der westlichen Front nicht mehr dorthin gelangten. […]
Obwohl die Evakuierung vorher geplant war, gelangte doch kein einziger geschlossen und unbeschadet an. Oft war die Bespannung verloren gegangen, so dass die örtlichen Bauern mit ihren Pferden bis zum nächsten Ort aushelfen mussten.

Auch hatte sich die Kreisbauernschaft Borna entschlossen, die bombengefährdeten Gebiete um Groitzsch, Espenhain und Böhlen nicht zu belegen. Die dafür vorgesehenen Trecks mussten woanders hin gelenkt werden. […]

Im Ballendorfer Gasthof entstand ein Notquartier für 300 Personen und 100 Pferde, aber eben nur für kurze Zeit. Dann mussten die Gespanne weiterziehen. Alle Dörfer im Umkreis waren voll belegt.“
(Chronik Becker)

Bürgermeister Nitzsche schreibt dazu:

„Das Flüchtlingselend ist erschütternd. […] Menschen bleiben auf der Strecke. Es kommen nur Teiltrecks […] an.“
(Chronik Nitzsche)

„November 1944: Flüchtlingstransporte aus dem Osten treffen auf unserem Bahnhof ein“ Quelle: Chronik Nitzsche
„Im Schulhof: Flüchtlinge aus dem Osten“ [undatiert] Quelle: Chronik Nitzsche

Bürgermeister Felix Nitzsche


Eine Einschätzung von Wolfgang Heidrich

Geboren 06. März1878
Gestorben 24. April 1960
Seit 1892 im Rathaus tätig.
Verheiratet 04.02.1915 mit Bertha Margarethe Liesbeth geb. Meyer, Sohn Rolf wird am 12.10.1915 geboren.

Ein Arm Nitzsches war gelähmt durch Kinderlähmung. Damit ist auch anzunehmen, dass er keinen Militärdienst leistete, auch nicht im 1. Weltkrieg.

1928 Wahl zum Bürgermeister der Stadt Bad Lausick, was dazu führte, dass er während der amerikanischen Besatzung in seinem Amt belassen wird.

1933 bleibt Nitzsche, offenbar trotz einiger Versuche örtlicher NS-Größen im Amt. Er entlässt die städtische Angestellte Else Hirsch auf der Grundlage des „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“. Else Hirsch und ihre gesamte Familie werden Opfer des Nationalsozialismus. Einigen gelingt die Flucht, viele werden ermordet. Dass Felix Nitzsche seine Handlung als „judenfeindlich“ versteht, ist jedoch nicht anzunehmen. Die staatlich organisierte Judenverfolgung in Deutschland steht 1933 noch ganz am Anfang.

Es ist die Zeit der „nationalen Revolution“, in der die Politik des Nationalsozialisten für jene auf Restauration der Verhältnisse vor dem ersten Weltkrieg gerichteten Gruppen, auf die Illusion einer starken Nation, wie es Deutschland in der Kaiserzeit war, attraktiv erscheint. Nitzsche, der sich als unpolitischer Verwaltungsbeamter sieht, ist offensichtlich auch von diesem nationalen Taumel erfasst.

Es ist anzunehmen, dass es außerhalb Nitzsches Vorstellungswelt liegt, dass diese Entlassung der erste Schritt zur vollständigen Ausgrenzung und Vernichtung der Bad Lausicker Familie Hirsch ist. Er führte seine Amtsgeschäfte im Sinne eines Erstarkens einer deutschen „Volksgemeinschaft“.

Nachdem die NSDAP nach dem Aufnahmestopp im Jahr 1933 keine Mitglieder mehr aufgenommen hatte, tritt Nitzsche 1937 während einer großen Aufnahmewelle in die NSDAP ein. Der Verbleib im Amt des Bürgermeisters von Bad Lausick ist dabei annehmbar das treibende Motiv für die Entscheidung. 

Nitzsche setzt weiterhin die Politik der NSDAP durch, wobei er sich wohl immer noch als unpolitischer Verwaltungsbeamter sieht, zumal er nur in Ausnahmefällen direkt mit den Maßnahmen zur Verfolgung von Gegnern des Regimes zu tun hat. Felix Nitzsche dürfte zu diesem Zeitpunkt immer noch grundsätzlich mit der NSDAP-Politik einverstanden gewesen sein, in deren Mittelpunkt scheinbar immer noch die „Volksgemeinschaft“ steht. Er ist der erste Mann in der Verwaltung der Stadt Bad Lausick und damit für die Durchsetzung der Vorgaben der NSDAP verantwortlich. Stadträte gibt es nicht mehr. Sie waren durch ein „Ratsherrenkollegium“ ersetzt worden, wobei diese Ratsherren nur noch Berater des Bürgermeisters, aber keine Entscheidungsträger mehr waren. 

Der oberste Repräsentant der Macht im Ort ist der jeweilige NSDAP-Ortgruppenführer, über den die politischen Vorgaben der NSDAP in der Stadt umgesetzt wurden. Dies war, bis zum Beginn des zweiten Weltkrieges der „Parteigenosse Spielmann“, einer der NSDAP-Männer der ersten Stunde im Ort, langjähriger Ortspfarrer und seit 1934 in der Position des Ortsgruppenführers und schließlich mit Beginn des neuen Krieges zur Wehrmacht eingezogen wird.

Der entscheidende Ortsgruppenführer der NSDAP im Jahr 1945 war der Kriegsveteran des ersten Weltkriegs, Hermann Thomas. Mit ihm handelte Bürgermeister Nitzsche im März 1945 aus, die Stadt Bad Lausick als „offene Stadt“, im Gegensatz zur „befestigten Stadt“ bzw. zum „befestigten Ort“ zu behandeln. Gerechtfertigt wird das Ganze durch die in der Kriegsendphase anwachsende Zahl der in Lazaretten unter zu bringenden Verwundeten. Unter den sich immer weiter verschlechternden Verhältnissen ist dies offensichtlich die beste Lösung, um die Stadt vor Zerstörungen zu schützen. Die Verbreitung des Gerüchts durch Mundpropaganda zeigt, dass die beiden älteren, lebenserfahrenen Männer dabei bewusst waren, dass sie sich damit im krassen Gegensatz zur NS-Politik befanden, aber es ging um das Überleben, um das Vermeiden sinnloser Opfer.

Die Entscheidung der U.S. Amerikaner, Nitzsche im Amt zu belassen, zeugt davon, dass diese gewillt waren, möglichst schnell eine Normalisierung des Lebens in Deutschland herbeizuführen. Doch auch die Entscheidung der Sowjets, diesen alten deutschen Beamten aus dem Amt zu entlassen, entbehrt nicht deren Logik. Nitzsche war eine Führungsfigur, mit den alten Gesellschaftssystemen von der Kaiserzeit bis zur Nazizeit verwachsen. Er mußte weg!

In seinem weiteren Leben befasst sich Nitzsche damit, die stattfindenden Entwicklungen zu beobachten – und zu kommentieren. Wir verdanken ihm umfangreiches Material über die weitere gesellschaftliche Entwicklung, sowohl allgemein als auch auf die Stadt Bad Lausick bezogen.

NSDAP-Ortsgruppenleiter Hermann Thomas

Über ihn ist nur durch Nitzsche bekannt, dass er früher als Justizinspektor arbeitete und in der Stadt (genannt werden „Str. des Friedens“ und Waldstraße) ein Haus besaß, welches im entweder im Rahmen des Volksentscheides in Sachsen vom 30. Juni 1946 oder durch einen späteren Rechtsakt (bis 1949). enteignet wurde und eine kleine Wohnung zugewiesen bekam. 

Hermann Thomas wurde wahrscheinlich am 20.Mai 1945 durch die Amerikaner erstmals verhaftet. Über nähere Umstände ist nichts bekannt.

Zeittafel - Kriegsende 1945

von Wolfgang Heidrich​

Dezember 1943 

Nach dem Luftangriff, am 4. Dezember, auf Leipzig werden etwa 500 Bombengeschädigte in der Stadt Bad Lausick untergebracht. Auch bei den folgenden drei weiteren Angriffen auf Leipzig werden weitere Bombengeschädigte nach Bad Lausick evakuiert. 

26.11.1944 

Mit zwei Bahntransporten kommt eine unbekannte Zahl von Flüchtlingen aus Ostpreußen in Bad Lausick an. Die Flüchtlinge werden in der Stadt und den umliegenden Dörfern untergebracht.

29.11.1944 

In Flößberg wird mit der Errichtung einer neuen Panzerfaustfabrik, der Hugo-Schneider-AG (HASAG), begonnen, Hier wird zudem auch ein Außenlager des KZ Buchenwald vorbereitet.

28.12.1944 

Die ersten 150 ausschließlich männlichen Häftlinge des KZ Buchenwald treffen im Außenlager Flößberg ein. Der Zwangsarbeitereinsatz beginnt einen Tag später.

Ende 1944 

Rudi Krauße berichtet, dass „gegen Ende des Jahres 1944 fast alle verfügbaren Säle durch Lazarette belegt sind, so der „Drei-Rosen-Saal“ und der Saal vom „Gasthof zum Engel“. Das Schützenhaus war Gefangenen-Lazarett, genauso wie die „Sonne“. Später kam dann noch die große Turnhalle (als Lazarett-Einrichtung) dazu. In der „Kaoline“ war ein Kriegsgefangenen-Lager und später ein Offiziers-Gefangenen-Lager auf dem Gelände des Bad Lausicker Bahnhofs, welches sich zwischen Wasserturm und Stellwerk. (? – keine andere Quelle!!!) befand

15.02.1945 

In der Tankstelle Reichersdorf, die keinen Kraftstoff mehr verkaufte, wird eine „Treckleitstelle für den Kreis Borna“ eingerichtet. Ihre Aufgabe ist, die ankommenden Flüchtlingstrecks aus dem Kreis Militsch in die vorgesehenen Unterkunftsräume in den Kreisen Grimma, Rochlitz und Borna zuzuweisen. Das Schulgebäude, das HJ-Heim, das Genesungs-heim und das Bethlehem Stift werden als Unterbringungsmöglichkeit für die Treckteilnehmer bzw. als Hilfslazarette genutzt.

05./ 06.03.1945 

Das HASAG-Werk in Flößberg wird bombardiert, fordert aber keine Menschenleben.

In dem Zusammenhang mit dem Luftangriff erfolgte ein Notabwurf von 100 Bomben auf einem Feld zwischen Bad Lausick, Steinbacher Wald und Lauterbacher Straße (Rudi Krauße). Die Geländeschäden werden erst im Dezember 1946 beseitigt.

06.03.1945, 13.30 Uhr

Beim Durchmarsch der Kolonne von KZ-Häftlingen des Groß Rosener Außenlagers Bunzlau I stirbt ein Häftling an Herzschlag in der Heinersdorfer Straße. Der Tote wird später in Bad Lausick beerdigt. Die Kolonne, die aus Richtung Rochlitz kam, marschiert weiter nach Beucha, wo weitere 84 Häftlinge in das KZ-Außenlager der HASAG Flößberg überstellt werden. Die Kolonne selbst erreicht am 16.03.1945 das KZ-Außenlager Boelcke-Kaserne Nordhausen.

März 1945 

Weitere Flüchtlingstrecks aus dem Osten bzw. Südosten laufen die Treckleitstelle an, die zur Aufnahme in die Gegend um Eger, Hof, Bayreuth und Saalfeld bestimmt sind.  Wegen des Winterwetters im Erzgebirge und Elstergebirge und dem Vorrücken der westlichen Front können sie jedoch nicht mehr ihre Ziele erreichen. Im Südraum von Leipzig entsteht somit eine ungewollte Bevölkerungskonzentration, die nach dem Kriegende bestehen bleibt.

Die Flüchtlinge werden zeitweise in der Schule und in der Turnhalle sowie in Privatquartieren untergebracht. Schließlich werden die Einrichtungen auch als Hilfslazarette neben dem Hilfslazarett im Kurhaus genutzt. 

Im Gasthof Ballendorf entsteht ein Notquartier für 300 Flüchtlinge und 100 Pferde.

28.03.1945 

Bürgermeister Nitzsche lässt nach Rücksprache mit dem NSDAP-Ortsgruppenleiter Hermann Thomas das Gerücht verbreiten, dass die Stadt als Lazarettstadt eine „offene Stadt“ ist, also nicht verteidigt wird.

Am gleichen Tag legt Eisenhower fest, dass die Alliierten Militäraktion nur bis zur Elbe-Mulde-Linie und weiter ins Donautal geführt wird.

02. – 08.04.1945 

Durch eine Verlängerung der Bezugsdauer der Lebensmittelkarten der 72. und 73. Bezugsperiode (je 4 Wochen) müssen die Bezugsberechtigten die neunte Woche mit den abgegebenen Lebensmitteln auskommen.

08.04.1945 

Bürgermeister Nitzsche vermerkt in seinem Tagebuch: „Da ich keinen Wert darauflege, vor der Errettung meiner Vaterstadt „abgeknallt“ zu werden, verwahre ich die weiße Fahne zur Übergabe von Rathaus und Stadt gut in meinem Arbeitszimmer.“

08. – 14.04.1945 

Hitlertreue Einwohner von Bad Lausick versuchen, „Volkssturm“- und „Werwolf“-Gruppen in Bad Lausick aufzustellen, die in Zivil oder HJ-Uniform mit Armbinde gekennzeichnet sind und die zudem noch mit veralteten Waffen den Feind zurückhalten sollen.

Möglicherweise kommt es in diesem Zusammenhang zu einem letzten Lehrgang im „Wehrertüchtigungslager Buchheim“. Das Lager befindet sich in der Jugendherberge Buchheim und im Oberen Gasthof. Der Lehrgang wird offenbar von nicht kriegsverwendungsfähigen SS-Männern geführt.

10.04.1945 

Die Treckleitstelle in der Tankstelle Reichersdorf wird aufgelöst, da keine neuen Flüchtlingstrecks mehr kommen.

13.04.1945, 4.00 Uhr 

Die Räumung des KZ-Außenlager der HASAG Flößberg beginnt. Nach einem Zählappell 1144 Häftlinge in Güterwagons verladen und ins KZ Mauthausen evakuiert. Der Transport erreicht in der Nacht vom 28. zum 29. April das KZ, wo die Überlebenden am 5. Mai 1945 von amerikanischen Truppen befreit werden.

Drei polnischen Juden gelingt es, sich vor Beginn des Räumungstrans-ports im Lager zu verstecken. Sie werden in den Folgetagen gesucht, jedoch nicht entdeckt.

14.04.1945 

Im Raum Bad Lausick operiert ein Panzerverband, zu dem noch weitere 13 Panzerkampfwagen einer anderen Kampfgruppe aus dem Kohrener Raum in Marsch gesetzt werden.

Die Reste der Bornaer Garnison verlassen die Stadt in Richtung Colditz, gefolgt von einem Großteil der politischen Führung des Landkreises, der NSDAP-Kreisleitung und des Landrates des Kreises Borna. Dabei dürfte zumindest ein Teil die Stadt Bad Lausick passiert haben.

Zum letzten Mal erscheinen die „Nachrichten für Bad Lausick“. Hauptschlagzeilen: „Schwerpunkt der Kämpfe im mitteldeutschen Raum“ und „Roosevelt gestorben“.

Die CT-Lichtspiele geben um 19.00 Uhr ihre letzte Vorstellung.

15.04.1945, Früh 

Amerikanische Truppen umgehen die Stadt Borna und greifen östlich davon sich zurückziehende deutsche Soldaten mit Panzern und Halbkettenfahrzeugen an. Bei Beucha werden drei deutsche Panzer zerstört. Die anderen Fahrzeuge flüchten durch Bad Lausick in Richtung Osten.

15.04.1945, 10.30 Uhr

 Die Task Force (TF) Deevers, die die Stadt Borna umgangen hat, rückt über Flößberg und Trebishain nach Buchheim vor und nimmt das Wehrertüchtigungslager unter Beschuss. Dabei werden zwei Scheunen durch Beschuss in Brand gesetzt.

15.04.1945, Mittag 

Weitere fünf deutsche Panzer flüchten durch Bad Lausick. Die TF Deevers wird am Ortsausgang Buchheim in Richtung Ballendorf kurz durch Gewehrfeuer gestoppt. Danach kommt es auf dem Weg nach Ballendorf zu einem Feuergefecht, bei dem weiter vier deutsche Halbkettenfahrzeuge zerstört werden. Die Toten dieser Scharmützel werden einige Tage später von Buchheimern im Wald gefunden und dort bestattet.

In Ballendorf wird kurzzeitig ein amerikanischer Gefechtsstand errichtet, mit dem die weiteren Bewegungen durch den Colditzer Forst koordiniert werden.

15.04.1945, nachm. 

Nach den Kämpfen zwischen Ballendorf und Buchheim, die von Bad Lausick gut zu beobachten waren, herrscht im Ort Ruhe. Nitzsche schreibt: „Die Straßen der Stadt sind menschenleer, die Stimmung ist gedrückt und man könnte glauben, die Gefahr für uns sei vorüber. In dieser Stimmung entlasse ich gegen 18.30 Uhr meine Gefolgschaft und lasse durch meine Schwiegertochter mein Abendbrot bringen, um weiter abzuwarten.“

15.04.1945, 19.30 Uhr

Nachrückende Truppen der Amerikaner dringen über Reichersdorf, Rochlitzer Straße, Brau- und Marktstraße vor und erreichen das Rathaus. Nitzsche hisst mit Hilfe seiner Tochter eine weiße Fahne am Rathaus. Daraufhin verstummt MG-Feuer. Nitzsche begibt sich sofort zum Rathauseingang und wird von amerikanischen Soldaten in Empfang genommen. (Zum weiteren Verlauf: „Aus dem Tagebuch des Bad Lausicker Bürgermeister“ in „Grenzfluss Mulde“, Sax-Verlag 2005)

15.04.1945, 19.55 Uhr

Der amerikanische Kommandant befiehlt den anwesenden Bad Lausickern die sofortige Räumung aller Straßen und Plätze, da ab 20.00 Uhr die Ausgangssperre bis 6.30 Uhr beginnt. Ebenfalls verkündet wurden Ausweispflicht und das Verbot, die Ortsgrenzen zu überschreiten. Diese Regelungen betreffen auch alle Ausländer, die sich in Deutschland aufhalten.

15.04.1945, 21.00 Uhr

Die Amerikaner beschlagnahmen das Amtsgerichtsgebäude, um darin ihre Ortskommandantur einzurichten. Die Bewohner müssen das Gebäude umgehend räumen. Beschlagnahmt werden auch weitere Gebäude im Stadtgebiet, die von den amerikanischen Truppen als Unterkünfte genutzt werden. Als Unterkunft wird auch das ehemalige Wohnlager des Reichsarbeitsdienstes in Wüstungsstein genutzt.

Bürgermeister Nitzsche wird durch die Amerikaner in seinem Amt belassen.

15.04.1945, nachts 

In der amerikanischen Kommandantur in Bad Lausick wird der Gefechtsstand der 9. US-Armee (Anmerkung: es ist fraglich, ob es tatsächlich die 9. US-Armee war) eingerichtet und verbleibt dort bis zum Ende der Kampfhandlungen im Leipziger Raum am 19.04.1945. 

16.04.1945, 8.00 Uhr

Ein Teil der amerikanischen Truppen in der Stadt setzt sich in Richtung Grimma in Marsch. Der Etzoldshainer Bürgermeister Heinicke empfängt sie an der Ortsgrenze und übergibt den Ort.

16.04.1945 

Etwa 100 Wehrmachtssoldaten, die in einem Gutshof in Etzoldshain Quartier bezogen hatten, werden nach Bad Lausick in das dort entstehende Kriegsgefangenenlager in der Nähe des Bahnhofes überführt. In dieses Lager kommen alle Militärangehörigen, die keinen Entlassungsvermerk im Wehrpass haben. Sie werden einige Tage später in westlich gelegene Kriegsgefangenenlager verbracht, kommen meist aber nach kurzer Zeit wieder frei.

Die Amerikaner beschlagnahmen und beziehen verschiedene Gebäude für ihre Zwecke, darunter auch das RAD-Lager in Wüstungsstein. Die Bewohner müssen sich selbst Ausweichquartiere besorgen. Sie kommen meist bei Verwandten unter.

Nitzsche beschreibt seine ersten Eindrücke: „Bei einem raschen Rundgang durch die Stadt sehe ich, dass die Amis fabelhaft motorisiert sind und die ganze Stadt ein dichtes Netz von Feldtelefon-Leitungen zeigt. Etwa 500 Mann mit schweren Panzern, Geschützen und sonstigen Fahrzeugen sind eingerückt. Post, Amtsgericht und Bahnhof sind geschlossen und werden bewacht. Die Industrien ruhen, Geschäfte und Gaststätten sind geschlossen. Die Stadtgrenzen sind abgeriegelt und werden scharf bewacht. Die Amis beherrschen das Straßenbild und die Einwohner fühlen vorsichtig und schüchtern vor.“

Die Druckerei Klinghammer druckt „Bekanntmachungen“ der amerikanischen Militärregierung Deutschlands. Neben Verhaltenshinweisen für die deutsche Bevölkerung werden darin auch Regeln für das Verhalten der Ausländer bestimmt. Kernstück der Bekanntmachungen ist die Pro-klamation Nr. von Eisenhower, durch die der Krieg im besetzten Gebiet für beendet erklärt wird.

17.04.1945 

Das deutsche militärische Lazarettpersonal wird gefangengenommen. Die beiden Lazarettapotheker erhalten Hausarrest in der im Kaffee Schaar untergebrachten Einrichtung. Gleiches gilt für die im Lazarett tätigen Ärzte.

Da sich einer der in Flößberg versteckten KZ-Häftlinge verletzt hatte, verlassen sie ihr Versteck und werden auf der Straße zwischen Bad Lausick und Flößberg durch amerikanische Soldaten aufgegriffen. Sie werden in Bad Lausick in der Waldstraße 8 untergebracht und erhalten doppelte Lebensmittelrationen.

Einige amerikanische Soldaten erlauben es sich in diesen Tagen, ein Zielschießen auf die Kirchturmkugel durchzuführen. Sie erhält drei Treffer. Die Reparatur der Kugel erfolgt erst 2002.

18.04.1945 

In einem Lager hinter dem Gelände des Güterbahnhofes werden tausende Militärpersonen als Kriegsgefangene gesammelt. Sie werden danach in westlich gelegene größere Kriegsgefangenenlager, z. B. Bad Kreuznach, gebracht. Bis Ende Dezember 1945 kehren 470 Kriegs-gefangene, darunter auch Gottfried Becker und eine Frau, nach Bad Lausick zurück.

19.04.1945 

Für die Stadtverwaltung ein anstrengender Tag: Fast gleichzeitig muss die Verwaltung zahlreiche neue Anweisungen in kürzester Zeit umsetzten. Der amerikanische Kommandant erkennt offenbar diese Arbeit an. Ein amerikanisches Militärgericht nimmt im Sitzungssaal des Rathauses seine Tätigkeit auf. Es behandelt nicht nur Fälle von Ausschreitungen durch Deutsche, sondern auch Vergehen amerikanischer Militär-angehöriger.

30.04.1945 

Die amerikanischen Truppen räumen das RAD-Lager in Wüstungsstein. Nach ihrem Abzug setzen starke Plünderungen ein. Der Leiter der Ortspolizeibehörde schickt daraufhin eine Streife von drei Hilfspolizisten nach Köllsdorf und Wüstungsstein. Doch die Hilfspolizisten lassen sich auf ein Trinkgelange mit ehemaligen sowjetischen Zwangsarbeitern in deren Lager bei Havestadt (Schamotte) ein. Bei den Plünderungen werden zum Teil komplette Barackenbauteile abmontiert und mit Pferdefuhrwerken abtransportiert.

30.04.1945, 17.15 Uhr 

In Reichersdorf wird vor dem Gut Bachbauer die Leiche eines ca. 16 bzw. 17-jährigen geborgen, der von den Amerikanern aufgrund interner Vorschriften standrechtlich erschossen wurde. Er hatte Nachrichtenkabel der Besatzer durchtrennt. (Buch Altenburger Land)

01.05.1945, 8.00 Uhr 

Eine sechsköpfige Polizeistreife wird erneut nach Wüstungsstein geschickt, um weitere Plünderungen zu verhindern. Dabei erfährt die Streife vom Verhalten der Hilfspolizisten am Vortag. Diese Hilfspolizisten werden entlassen.

07.05.1945 

Hildegard Reidemeister schreibt in ihrem Tagebuch, „dass es zu diesem Zeitpunkt in der Stadt schon ruhiger geworden ist, weil die Amerikaner nur ein kleines Wachkommando im Ort zurückgelassen haben“, d. h. die Ortskommandantur war aufgelöst worden. Die Bewohner der beschlag-nahmten Häuser konnten in ihre Wohnungen zurückkehren. Gleichzeitig berichtet sie, dass die Lebensmittelrationen etwas angehoben worden.

08.05.1945 

Hildegard Reidemeister kommentiert den Tag in ihrem Tagebuch: „Deutschland hat bedingungslos kapituliert! Deutschland liegt am Boden – noch kann man es nicht fassen!“

13.05.1945 

Nachdem der Großteil der amerikanischen Truppen die Stadt schon wieder verlassen hat, werden auch die letzten Posten nach Borna zurück-genommen. Danach wird BL nur noch durch Militärstreifen überwacht.

20.05.1945 

Es ist der 1. Pfingstfeiertag. Die amerikanischen Besatzer führen mit Hilfe der Polizei in der Stadt eine politische Säuberungsaktion durch. Ca. 40 NSDAP-Angehörige, ehemalige Wehrmachtsangehörige und anderweitig Belastete werden auf dem Marktplatz gesammelt. Nachdem sie längere Zeit auf Transportfahrzeuge gewartet haben, überzeugt Felix Nitzsche den Stadtkommandanten, sie auf Ehrenwort für ein Mittagessen zu Hause zu entlassen. Die Betroffenen melden sich alle zurück und werden gegen 15.00 Uhr abtransportiert.

04.06.1945 

Im Ergebnis einer Beschwerde der drei polnischen Juden aus dem KZ Flößberg wird festgelegt, dass ihr Ernährungssatz durch den behandelten Arzt festgelegt wird. Die Wohlfahrtsunterstützung wird ihnen weiterhin gewährt.

16.06.1945 

Die drei polnischen Juden verlassen Bad Lausick. Zwei wandern über Schweden nach Kanada bzw. Israel aus. Der Verbleib des Dritten ist unbekannt. Er kommt vermutlich bei antisemitischen Unruhen in seiner Heimat um.

01.07.1945, 17.00 Uhr 

Die ersten fünf sowjetischen Panzer treffen in Bad Lausick ein. Sie halten in der Braustraße hinter dem Rathaus. Kurz danach beginnt ein etwa anderthalbstündiger Durchmarsch sowjetischer Truppen in Richtung Borna.

01.07.1945, 18.30 Uhr 

Ein sowjetischer Panzer schwenkt aus der Kolonne zum Rathaus. Als erste Maßnahme der neuen Besatzungsmacht werden Sowjetfahnen am Rathaus angebracht.

01.07.1945, 19.00 Uhr 

Der neue Ortskommandant befiehlt die vollständige Räumung des Amtsgerichts. Dessen Bewohner konnten gerade im Mai erst ihre Wohnungen wieder beziehen und müssen nun das Gebäude erneut räumen. Erst am 4. Februar 1947 wird die Kommandantur aufgelöst.

05.07.1945 

Der Kommandant der Militärregierung für den Landkreis Borna erlässt den Befehl Nr. 1, welcher allgemeine Verhaltensvorschriften für die deutsche Bevölkerung festlegt. Dazu gehört auch das Verbot aller NS-Organisationen, die Anmeldung von Fahrzeugen und Radios und das Verbot, Angehörige der Sowjetarmee ohne Genehmigung zu beherbergen. Die nächtliche Ausgangssperre wird auf die Zeit von 22.00 Uhr bis 04.00 Uhr reduziert.

07.07.1945 

Vier Straßen und Plätze, die einen Bezug zur NS-Herrschaft haben, werden umbenannt. Wann das am 20. April 1933 auf dem Platz am Bahnhof aufgestellte Hitler-Denkmal beseitigt wurde, ist nicht überliefert.

Der Ausschuss des „Antifaschistischen Blocks“ in der Stadt Bad Lausick verkündet in den Amtlichen Bekanntmachungen Nr. 1 sein Programm für die Erneuerung der Gesellschaft. Nach anfänglichen Erfolgen gerät diese Arbeit jedoch bald ins Abseits. Die Ursachen dafür sind multikausal.

Anfang Juli 1945 

Das Hauptlazarett im Kurhaus wird durch die amerikanischen Truppen endgültig geräumt. Dabei werden nicht nur willige Verletzte mitgenommen, sondern auch die Lazarettausrüstung.

12.07.1945 

Bürgermeister Nitzsche und der Chef der Ortspolizei Rossa werden durch den Militärkommandanten entlassen. Die Nachfolge des Bürgermeisters tritt der ehemalige Buchenwald-Häftling Heinz Dose an.

13.07.1945 

Felix Nitzsche übergibt die Amtsgeschäfte an seinen Nachfolger. Anschließend geht er nach Hause. Er bleibt bis zum Lebensende ein aufmerksamer Beobachter der Entwicklung in der Stadt Bad Lausick.

14.07.1945, 20.00 Uhr

Auf Anordnung der Landesverwaltung Sachsen sind zu diesem Zeitpunkt alle Uhren auf die Moskauer Zeit (21.00 Uhr) umzustellen.

In Hopfgarten und Flößberg werden ebenfalls Antifa-Ausschüsse gebildet.

21.07.1945 

In den „Amtlichen Nachrichten für Bad Lausick, Geithain und Landgemeinden“ Nr. 4 wird unter dem Titel „Blick nach vorn“ über eine Propagandaveranstaltung des Antifa-Ausschusses am Vortag im „Grauen Wolf“ berichtet. Die Ausführungen des Hauptredners Heinz Dose werden als „temperamentvoll und sehr real“ bezeichnet.

Der antifaschistische Block der Stadt beschließt die Einsetzung eines Ausschusses zur Prüfung von Fällen nazistischer Verbrechen und Einleitung von ordentlichen Strafverfahren. Ein Mitarbeiter für Agitation und Propaganda wird gesucht.

Außerdem ergeht an die Bevölkerung die Aufforderung, das Eigentum des Turnverein 1846 Bad Lausick und des Reichsbundes für Leibesübungen an die Stadtverwaltung abzugeben. Beide Vereine waren zuvor verboten worden. Gleichzeitig wird vom Antifa-Ausschuss der Stadt versucht, aktive Sportler in der Stadt neu zu organisieren.

25.07.1945 

Zum ersten Mal nach dem Krieg wird die Bevölkerungszahl von Bad Lausick amtlich registriert: Von den 6516 Registrierten sind 1097 Kinder unter 8 Jahren, 878 sind Kinder im Alter von 8 bis 16 Jahren und 4541 Personen über 16 Jahre alt. Von der Gruppe Ü16 sind 3399 arbeitsfähig.

28.07.1945 

In den „Amtlichen Bekanntmachungen…“ Nr. 6 wird mitgeteilt, dass Heinz Kirsten wegen seiner Beteiligung an Plünderungen im Reservelazarett und im RAD-Lager Wüstungsstein mit vier Wochen Gefängnis bestraft wird. Die Strafe muss er sofort antreten.

Weitere Antifa-Ausschüsse werden in Ebersbach und Beucha gebildet.

August 1945 

Das öffentliche Leben in der Stadt beginnt sich zu normalisieren. Im Laufe des Monats werden in den „Amtlichen Bekanntmachungen für Bad Lausick, Geithain und Landgemeinden“ zahlreiche Unterhaltungs- und Tanzveranstaltungen in den Gaststätten und Gasthöfen angeboten.

01.08.1945 

Heinz Dose wird zum Sekretär der KPD-Kreisleitung Borna berufen. Er übergibt in den Folgetagen sein Amt an den Flößberger Kommunisten Wilhelm Mühlberger, der die meisten Entnazifizierungsanforderungen umsetzt. Mühlberger bleibt bis November 1946 im Amt und wird dann durch den Leipziger Rechtsanwalt Hans-Georg Schröder als ersten demokratisch gewählten Bürgermeister abgelöst.

04.08.1945 

In Buchheim wurde ein weiterer Antifa-Ausschuss gebildet.

05.08.1945 

In den „Amtlichen Bekanntmachungen“ wird mitgeteilt, dass das Hermannsbad für die Öffentlichkeit geöffnet ist. Auch der Kurpark darf wieder betreten werden.

07.08.1945 

Die CT-Lichtspiele nehmen ihren Betrieb wieder auf. Vorführungen erfolgen von Dienstag bis Sonntag.

10.08.1945 

Weitere Männer in örtlich führenden Stellungen während der NS-Zeit werden verhaftet und in Gefangenenlager (lt. Nitzsche „Konzentrationslager“, also offenbar Speziallager des NKWD) überstellt.

13.08.1945 

Bürgermeister Dose berichtet dem Bezirksschulamt über den Stand der Instandsetzung des Schulgebäudes.

14.08.1945 

Nachdem im Juli bereits die städtische Turnhalle und das Schulgebäude an die Stadtverwaltung zurückgegeben wurden, erfolgt die Rückgabe des ehemaligen HJ-Heimes von der Lazarettverwaltung an die Stadt.

16.08.1945 

Die Infrastruktur der Stadt umfasst vier Großunternehmen (Mühlenwerke Uhlig & Weiske; Kießling Wilhelm, Landwirtschaftliche Erzeugnisse; Altgott Richard, Lebensmittelgroßverteiler; Nitsche Kurt, Lebensmittel-großhandel) und 29 Lebensmittelgeschäfte, 5 Milchgeschäfte, 13 Bäcker, 2 Konditoreien und 7 Fleischer.

20.08.1945 

Mit Beginn der 79. Zuteilungsperiode wird eine Neueinteilung der Berechtigungsgruppen bei der Lebensmittelversorgung eingeführt. Es werden fünf Gruppen festgelegt: 1. Schwerarbeiter, 2. Arbeiter, 3. Angestellte, 4. Kinder bis zu 14 Jahren und 5. Nichtarbeitende. Die letzte Gruppe erhält später im Volksmund die Bezeichnung „Friedhofsgruppe“. Die Stadt Bad Lausick muss zu diesem Zeitpunkt 7098 Personen mit Lebensmitteln versorgen. In dieser Zahl sind 518 Voll- und Teilselbst-versorger mit bestimmten Lebensmitteln (Butter bzw. Schlachtfette) einbezogen.

10.09.1945 

Das Landesverwaltungsamt des Bundeslandes Sachsen erlässt mit der Verordnung über die landwirtschaftliche Bodenreform die erste Rechts-vorschrift zur völligen Umgestaltung der wirtschaftlichen Besitzver-hältnisse. Mit dem Volksentscheid vom 30.06.1946 über die Enteignung von Nazi- und Kriegsverbrechern gibt es einen ersten Höhepunkt, durch den auch die Bad Lausicker Wirtschaft betroffen sein wird.

17.09.1945 

Für den 22.09.1945 wird in Bad Lausick zu einer Mitgliederversammlung des antifaschistischen Blocks aufgerufen. Über deren Ergebnisse gibt es keinen Bericht. Die Antifa-Bewegung beginnt offensichtlich an Wirksamkeit zu verlieren.

20.09.1945 

Die NSDAP und alle ihre Gliederungen und angeschlossenen Verbände werden endgültig in Sachsen verboten. Deren Eigentum wird in der Folge durch die Stadtverwaltung Bad Lausick beschlagnahmt und eingezogen. Im Lausicker Bezirk betrifft dies nachfolgende Einrichtungen und Organisationen:

NS-Turn- und Militärverein Flößberg, NS-Frauenwerk Stockheim, Land-dienstlager der NSDAP Prießnitz-Trebishain, Wehrertüchtigungslager Buchheim.

In erster Linie werden vorhandene Guthaben beschlagnahmt bzw. noch vorhandenes Inventar, Kleidung und Wäsche, veräußert. Der gesamte Erlös ist an das Finanzamt Borna abzuführen.

25.09.1945 

Im Bundesland Sachsen wird wegen der allgemeinen Finanzknappheit für ehemalige Mitglieder der NSDAP eine Sondersteuer erhoben. Sie beträgt für Männer jährlich 36 RM und für Frauen 18 RM. Ausgenommen werden solche Mitglieder, die durch Gruppenübernahmen Mitglied wurden (BDM und HJ) und nur nominelle Mitglieder waren. In Bad Lausick werden mindestens 527 Bescheide verschickt.

20.10.1945 

In den Mitteilungen für den Landkreis Borna wird bekanntgegeben, dass die Landesverwaltung beschlossen hat, dass den 800.000 Umsiedlern in Sachsen ab sofort das Wohnrecht am aktuellen Aufenthaltsort zu gewähren ist. Als Umsiedler gelten ab diesen Zeitpunkt nur noch Personen, die ab dem 01.10.1945 in Sachsen eingetroffen sind.

Berichtet wird in den Mitteilungen auch von einer Großkundgebung in Borna, in der KPD-Kreissekretär eine markige Rede hielt.

07.10.1945 

Von den 6902 an diesem Tag gemeldeten Einwohnern Bad Lausicks sind 1806 Kinder unter 14 Jahren, von den 4039 ortsansässigen Erwachsenen hatten 426 der NSDAP angehört und von den 1057 erwachsenen Orts-fremden gaben 47 an, der NSDAP angehört zu haben.

02.11.1945 

Die Sondersteuer für NSDAP-Mitglieder wird durch die Landesverwaltung zurückgenommen. Bereits gezahlte Steuern werden nicht zurückerstattet, alle anderen Zahlungen erlassen.

01.12.1945 

Der Kindergarten in der Leipziger Straße 13, der 1940 eingerichtet worden war und am 16.04.1945 geschlossen wurde, wird wiedereröffnet.

Ende 1945 

Der Abbau der Querbahn zwischen Borna und Großbothen beginnt. Die Weiche, die ins Flößberger HASAG-Werk führte, wird für den Gleis-anschluss der Bad Lausicker Mühlenwerke verwendet.

26.12.1945 

Im letzten Fragebogen zur Bevölkerungsstatistik werden 5056 Orts-ansässige und 1793 Umsiedler, zusammen 6849 Einwohner gemeldet. Die Einwohnerzahl Bad Lausicks betrug am 17. Mai 1939 dagegen 5169 Personen.

Quellen:
Stadtarchiv Bad Lausick
Gottfried Becker nach Aufzeichnungen von Felix Nitzsche
Felix Nitzsche Chronik